Gottesdienste mit dem Leben verbinden

Weitverbreitete Unzufriedenheit mit den Gottesdiensten

Eine Freundin von mir hat Religionspädagogik studiert und ist im Glauben verwurzelt. Trotzdem besucht sie den Gottesdienst nur noch, wenn sie mit dem Chor einen Einsatz hat. Sie kann die 08/15-Gottesdienste in ihrer Gemeinde nicht mehr ertragen. – Viele Katholikinnen und Katholiken erleben Gottesdienste als steril. Sie fühlen sich nicht angesprochen – weder mit ihren Fragen noch mit ihrem Alltag. Das spiegelt sich auch in der Kirchenstatistik: 94% der Katholikinnen und Katholiken verzichten auf den regulären sonntäglichen Gottesdienst.

Vielleicht haben Sie den Wunsch, in Ihrer Praxis den Gottesdienst stärker mit dem Leben der Menschen in Verbindung zu bringen. Dann lohnt sich der Blick auf ein Modell, das sich in der Praxis bewährt hat.

Ein praxistaugliches Modell für die Gottesdienstvorbereitung

In meinen Kursen als Liturgiedozentin bringe ich das Vier-Faktoren-Modell der Themenzentrierten Interaktion (TZI) in die Gottesdienstvorbereitung ein. Die Teilnehmenden erzielen damit beeindruckende Ergebnisse. Sie entwickeln Gottesdienste in freier oder in einer klassischen Form, bei denen die jeweiligen Mitfeiernden im Blick sind und die den Mitfeiernden gerecht werden. Dabei ist das Vier-Faktoren-Modell erstaunlich einfach: Es besteht aus den Faktoren

  • Ich: die einzelnen Beteiligten, sowohl Teilnehmende als auch Leitung
  • Wir: die Beziehungsdynamik
  • Es: die Sache
  • Globe: die unmittelbaren Rahmenbedingungen der Zusammenkunft sowie der gesellschaftliche Kontext.

Alle vier Faktoren werden in den Blick genommen und gelten als gleich wichtig.

Für die Gottesdienstvorbereitung bedeutet dies, dass Sie nicht nur die gegebene Struktur des Gottesdienstes hernehmen und diese mit Liedern und Texten füllen, sondern dass Sie sich zunächst zu den einzelnen Faktoren Gedanken machen:

Ich:
Wer sind die Mitfeiernden?
Was bewegt sie? Was erwarten sie? Wie vertraut sind sie mit dieser Form von Gottesdienst?

Und was beschäftigt mich gerade?
Warum und wie möchte ich den Gottesdienst leiten oder gestalten?

Wir:
Wie sind die Beziehungen der Mitfeiernden zueinander?
Was kann ich dazu beitragen, dass Gemeinschaft – Communio – im Gottesdienst erfahren wird?

Es:
Was ist der Anlass des Gottesdienstes?
Was wird hier gefeiert? Worum geht es im Kern?
Um welche Art von Gottesdienst handelt es sich?

Globe:
Zu welcher Tageszeit und an welchem Ort feiern wir den Gottesdienst?
Welche Gottesdienstform ist vorgesehen?
Was gibt die Form vor und welche Spielräume bietet sie?

Und im Blick auf den Kontext:
In welcher Gesellschaft leben wir aktuell?
Innerhalb welcher globalen Situation findet dieser Gottesdienst statt?

Schließlich werden auch die Beziehungen der Faktoren zueinander in den Blick genommen,

Wirkungen und Chancen

Aus der Analyse ergeben sich eine Fülle von Anregungen und Konsequenzen. So können Sie einen lebensnahen Gottesdienst gestalten, nämlich einen Gottesdienst, in dem die Mitfeiernden mit sich selbst, miteinander und mit Gott in Verbindung kommen – in ihrer aktuellen Lebenssituation.

Dieser Beitrag erschien in ähnlicher Form im Anzeiger für die Seelsorge, Heft 2/2025, S.41.
Eine ausführlichere Erläuterung erschien unter dem Titel „Gottesdienste lebensnah gestalten“ in der Zeitschrift Gottesdienst, Heft 2/2026, S. 22f.