Unsere Gesellschaft ist mit großen Herausforderungen konfrontiert: der Klimawandel mit seinen verheerenden Folgen, Kriege in nächster Nähe, imperialistische Machthaber, Erstarken des Rechtsextremismus … Und ich – wie auch einige von Ihnen – widme meine Aufmerksamkeit dem Gottesdienst. Da könnte man uns fragen: Ist die Liturgie gegenüber den „wahren“ Herausforderungen nicht Schnickschnack? Wäre es nicht wichtiger, diese Energie in politisches oder soziales Engagement zu investieren?
Meine Antwort lautet: Liturgie hat einen sozialen und einen politischen Wert. Wenn ich mich für Liturgie engagiere, dann trage ich zu einer lebensfreundlichen Gesellschaft bei. Denn gute Gottesdienste können Menschen verändern, und sie können eine Wirkung haben in der Welt.
Lebensförderliche Wirkung von Gottesdiensten
Wie lässt sich diese Wirkung verstehen? Im Gottesdienst werden das Heilshandeln Gottes in der Geschichte sowie das verheißene zukünftige Heil auf kraftvolle Weise präsent. Es wird in den Schriftlesungen und der Predigt verkündet und es wird in symbolischen Handlungen inszeniert und dadurch leiblich erfahrbar. Der Gottesdienst ist ein Ort, an dem die Feiernden in eine Welt eintauchen, wie Gott sie will. Diese Erfahrung prägt ihre Haltungen und Sichtweisen, sodass sie auf neue Weise in der Welt handeln können.
Ist das realistisch?
Leuchtet Ihnen der Gedankengang ein? Oder fällt es Ihnen schwer, ihn mit den Gottesdiensten zu verbinden, die Sie kennen? Wenn ich von der verändernden Kraft der Liturgie spreche, dann habe ich Gottesdienste vor Augen, in denen die Mitfeiernden als mündige Glieder der Kirche behandelt werden, Gottesdienste, in denen sie ihre Gedanken, ihren Glauben und ihre Fragen einbringen können und in denen sie nicht darauf reduziert werden, Ja und Amen zu sagen. Ich denke an Gottesdienste, in denen Menschen einander wahrnehmen und achten, in denen allen, die kommen, eine geschwisterliche Gemeinschaft angeboten wird. Ich habe Gottesdienste im Sinn, in denen die gesellschaftliche Ungleichbehandlung von Männern und Frauen nicht reproduziert oder gar verstärkt wird, sondern in denen alle Geschlechter als gleichwürdig erscheinen. Schließlich denke ich an Eucharistie- oder Abendmahlsfeiern, in denen Menschen verschiedener sozialer Herkunft in Einheit miteinander feiern und eine Tischgemeinschaft gelebt wird, die soziale Schranken überwindet.
Gottesdienst – wirkungsvolle Reich-Gottes-Praxis
Ich habe solche Gottesdienste erlebt und erlebe sie immer wieder, in deren Gestalt Reich Gottes erahnbar ist. Sie müssen deshalb nicht perfekt sein. Wenn hier und da etwas gelingt und eine Erfahrung vom Rech Gottes möglich wird, kommen die Menschen verändert aus dem Gottesdienst, und sie tragen diese Erfahrung in die Welt.
Liturgie ist kein Schnickschnack, sondern Liturgie ist ein wirkungsvoller Beitrag dazu, dass Gottes Heil in der Welt ankommen kann. Deshalb engagiere ich mich gerne für eine kraftvolle Liturgie.
Dieser Beitrag erschien in ähnlicher Form im Anzeiger für die Seelsorge, Heft 9/2025, S.41.
