Gottesdienste mit Kranken – Chance und Aufgabe

Problemlage

Immer wieder leiden Gemeindereferenten, Pastoralreferentinnen oder Diakone daran, dass sie die Krankensalbung nicht spenden dürfen. Sie würden die Kranken, die sie seelsorgerlich begleiten, gerne auch liturgisch und sakramental stärken. Hier möchte ich die Perspektive durch eine konkrete Erfahrung aus meiner seelsorgerlichen Praxis erweitern.

Ein Beispiel aus der Praxis

Als pastorale Ansprechperson in St. Gallen bat mich einmal ein Mann, ihn seelsorgerlich zu begleiten. Bei ihm war eine sehr belastende fortschreitende Krankheit festgestellt worden. Miteinander überlegten wir, was ihn – zusätzlich zu unseren Gesprächen – auch liturgisch-rituell unterstützen könnte. So vereinbarten wir, im Anschluss an eine Vorabendmesse mit seinen Familienangehörigen und mit einigen Gemeindemitgliedern für ihn zu beten.

Ablauf und Gestaltung des Krankengebets

Nach der Vorabendmesse setzten wir uns in einen Stuhlkreis im Altarraum. Mit Familienangehörigen und Gemeindemitgliedern waren wir 12 Personen. Wir stellten uns einander vor, und der von Krankheit betroffene Mann gab einen kurzen Einblick in seinen Leidensweg. Es folgten Kreuzzeichen und Eröffnungsgebet. Anschließend trug jemand die Schriftlesung Jakobus 5,14-16 vor:  

„Ist einer unter euch krank, dann rufe er die Ältesten der Gemeinde zu sich; sie sollen Gebete über ihn sprechen und ihn im Namen des Herrn mit Öl salben …“

Daraufhin lud ich alle ein, für den Kranken zu beten. Wir stellten uns um ihn herum; einzelne legten eine Hand auf seine Schulter. Zunächst beteten wir für ihn in Stille, dann betete ich hörbar und frei und lud die anderen ebenso dazu ein. Der angehende Schwiegersohn des Mannes war der erste, der es mir gleich tat und hörbar und frei  für seinen Schwiegervater betete. Dieses persönliche Gebet war sehr berührend. Nach dem Gebet waren alle Anwesenden eingeladen, dem Kranken ein Kreuzzeichen auf die Stirn oder in die Hand zu zeichnen und eine Zusage zuzusprechen. Mich berührte, wie die Pfarreiratsvorsitzende mit bewegter Stimme zu ihm sprach. Auch der Moment, als eine seiner Töchter vor ihm stand, ihn anschaute, „Papa …“ sagte und ihn mit dem Kreuz bezeichnete, war sehr intensiv.

Die Salbung mündete in den Gesang Nada te turbe / Nichts soll dich ängst’gen.
Dann brachten wir in freien Fürbitten andere Menschen und Anliegen vor Gott gebracht werden. Es folgte das gemeinsam gesprochene Vaterunser. Mit einem Segen für die Familie und für alle Anwesenden endete die Feier.

Eine besondere Erfahrung für alle Beteiligten

Für den Betroffenen war dies eine einzigartige Erfahrung. Das persönliche Gebet seines Schwiegersohns – zu dem es ohne diese Feier womöglich nie gekommen wäre -, die innigen Begegnung mit seiner Tochter, die Zuwendung und das Gebet der ihm unbekannten Gemeindemitglieder gaben ihm und seiner Familie Trost und Kraft für den weiteren Leidensweg. Auch für die anderen Beteiligten war es eine tiefe spirituelle Erfahrung. Hier wurde gemeinsames Priestertum aller erlebbar.

Ermutigung

Ich möchte mit diesem Beispiel ermutigen, als Gemeinde und als Seelsorgende Kranke liturgisch zu stärken: durch Zuwendung, durch Gottes Wort, durch berührende Zeichen und durch Gebet. Das Dilemma bleibt bestehen, wenn ausdrücklich nach dem Sakrament der Krankensalbung verlangt wird und Sie es nicht spenden dürfen. Aber es gibt immer mehr Menschen, denen es nicht auf das Sakrament der Krankensalbung ankommt, und die doch durch Gebet und liturgische Zeichen neue Kraft finden könnten.

Hier können Gemeinden und ihre Seelsorgenden viel bewirken!

Dieser Beitrag erschien in ähnlicher Form im Anzeiger für die Seelsorge, Heft 11/2025, S. 41.