Heiliger Schnickschnack?

Unsere Gesellschaft ist mit großen Herausforderungen konfrontiert: der Klimawandel mit seinen verheerenden Folgen, Kriege in nächster Nähe, imperialistische Machthaber, Erstarken des Rechtsextremismus … Und ich – wie auch einige von Ihnen – widme meine Aufmerksamkeit dem Gottesdienst. Da könnte man uns fragen:  Ist die Liturgie gegenüber den „wahren“ Herausforderungen nicht Schnickschnack? Wäre es nicht wichtiger, diese Energie in politisches oder soziales Engagement zu investieren?

Meine Antwort lautet: Liturgie hat einen sozialen und einen politischen Wert. Wenn ich mich für Liturgie engagiere, dann trage ich zu einer lebensfreundlichen Gesellschaft bei. Denn gute Gottesdienste können Menschen verändern, und sie können eine Wirkung haben in der Welt.

Lebensförderliche Wirkung von Gottesdiensten

Wie lässt sich diese Wirkung verstehen? Im Gottesdienst werden das Heilshandeln Gottes in der Geschichte sowie das verheißene zukünftige Heil auf kraftvolle Weise präsent. Es wird in den Schriftlesungen und der Predigt verkündet und es wird in symbolischen Handlungen inszeniert und dadurch leiblich erfahrbar. Der Gottesdienst ist ein Ort, an dem die Feiernden in eine Welt eintauchen, wie Gott sie will. Diese Erfahrung prägt ihre Haltungen und Sichtweisen, sodass sie auf neue Weise in der Welt handeln können.

Ist das realistisch?

Leuchtet Ihnen der Gedankengang ein? Oder fällt es Ihnen schwer, ihn mit den Gottesdiensten zu verbinden, die Sie kennen? Wenn ich von der verändernden Kraft der Liturgie spreche, dann habe ich Gottesdienste vor Augen, in denen die Mitfeiernden als mündige Glieder der Kirche behandelt werden, Gottesdienste, in denen sie ihre Gedanken, ihren Glauben und ihre Fragen einbringen können  und in denen sie nicht darauf reduziert werden, Ja und Amen zu sagen. Ich denke an Gottesdienste, in denen Menschen einander wahrnehmen und achten, in denen allen, die kommen, eine geschwisterliche Gemeinschaft angeboten wird. Ich habe Gottesdienste im Sinn, in denen die gesellschaftliche Ungleichbehandlung von Männern und Frauen nicht reproduziert oder gar verstärkt wird, sondern in denen alle Geschlechter als gleichwürdig erscheinen. Schließlich denke ich an Eucharistie- oder Abendmahlsfeiern, in denen Menschen verschiedener sozialer Herkunft in Einheit miteinander feiern und eine Tischgemeinschaft gelebt wird, die soziale Schranken überwindet.

Gottesdienst – wirkungsvolle Reich-Gottes-Praxis

Ich habe solche Gottesdienste erlebt und erlebe sie immer wieder, in deren Gestalt Reich Gottes erahnbar ist. Sie müssen deshalb nicht perfekt sein. Wenn hier und da etwas gelingt und eine Erfahrung vom Rech Gottes möglich wird, kommen die Menschen verändert aus dem Gottesdienst, und sie tragen diese Erfahrung in die Welt.

Liturgie ist kein Schnickschnack, sondern Liturgie ist ein wirkungsvoller Beitrag dazu, dass Gottes Heil in der Welt ankommen kann. Deshalb engagiere ich mich gerne für eine kraftvolle Liturgie.

Dieser Beitrag erschien in ähnlicher Form im Anzeiger für die Seelsorge, Heft 9/2025, S.41.

Soft Skills im Gottesdienst

Als Liturgie-Dozentin in der Ausbildung der Pastoralen Berufe besuche ich alle Gemeindeassistentinnen und Gemeindeassistenten in ihren Einsatzpfarreien bei einem Gottesdienst. Ich gebe Feedback, bestärke, was gut ist, und identifiziere gemeinsam mit der bzw. dem Auszubildenden Entwicklungsfelder.

Ein ermutigendes Erlebnis

Kürzlich war ich bei einer Gemeindeassistentin, die noch kaum Erfahrung in der Gottesdienstleitung hatte. Für sie war es der erste Gottesdienst überhaupt in dem gegebenen Setting. Es handelte sich um einen Seniorengottesdienst in einem Generationenhaus unter sehr besonderen Bedingungen: In einem als „Marktplatz“ gestalteten offenen Foyer saßen zwölf Seniorinnen und Senioren in einem Halbkreis, einige saßen dahinter an Café-Tischen, wieder andere verfolgten den Gottesdienst von den Galerien der anderen Etagen aus. Um den „Marktplatz“ herum bewegten sich Menschen, die nichts mit dem Gottesdienst zu tun hatten.

Wie meisterte die Gemeindeassistentin die Situation? Sie begegnete den Mitfeiernden sehr aufmerksam und freundlich. Sie begrüßte jede Person persönlich und gab ihr ein großgedrucktes Liedblatt. Die Kommunion brachte sie jedem und jeder Mitfeiernden an den Platz. Bei einer Person, die Mühe mit dem Schlucken hatte, hielt sie ein Glas Wasser bereit und wartete geduldig, bis die Empfängerin die Hostie verzehrt hatte. Im Ablauf des Gottesdienstes folgte die Gemeindeassistentin im Wesentlichen der liturgischen Form der Wort-Gottes-Feier. An einigen Stellen wich sie aus Unkenntnis davon ab, doch das hatte keinen negativen Einfluss auf die Feier und deren Wirkung.

Erkennbare Haltung

Am anschließenden Feedback nahmen auch die Dame vom Begleitdienst und die Musikerin teil, die den Gottesdienst mitgestaltet hatte. Letztere meinte, die Gebetsstille im Kommunionteil wäre zu lang gewesen. Bemerkenswert war die Antwort der Gemeindeassistentin: „Ich habe gesehen, dass die Frau links an der Seite noch ins Gebet vertieft war, deshalb habe ich gewartet“. Eine solche Aufmerksamkeit zeugt von einer hohen Feierkompetenz! Die Gemeindeassistentin hatte die beteiligten Menschen in Zugewandtheit und großer Aufmerksamkeit auf achtsame Weise durch ein spirituelles Geschehen geführt, so dass diese eine wohltuende und stärkende Feier erlebten.  Hätte sie sich ausschließlich auf die Korrektheit der liturgischen Form konzentriert und nicht auf die mitfeiernden Menschen, dann hätte die Feier nicht eine solch hohe Qualität und gute Wirksamkeit erreicht.

Soft Skills machen den Unterschied

In der liturgischen Aus- und Weiterbildung lege ich besonderen Wert auf Soft Skills: Wie begegnen Gottesdienstleitende den Mitfeiernden? Wie gehen sie auf diese ein? Mit welchem Ausdruck und mit welcher Haltung leiten sie den Gottesdienst? Nur auf formale Kriterien zu achten ist mir zu wenig. Ein „korrekter“ Gottesdienst ist nicht per se ein nährender Gottesdienst, und er fördert nicht automatisch die Begegnung mit dem lebendigen Gott. Ein Gottesdienst allerdings, der formal vielleicht nicht ganz perfekt ist, der aber von Achtsamkeit und Eingehen auf die Anwesenden geprägt ist, entfaltet seine Wirkung bei den Menschen.

Dieser Beitrag erschien in ähnlicher Form im Anzeiger für die Seelsorge, Heft 7-8/2025, S.41.

Liebevolle Gottesdienste

Eine Erfahrung

In meiner Ausbildungszeit für den Pastoralen Dienst war ich für die Gestaltung von Schülermessen zuständig: Etwa dreißig Dritt- und Viertklässler feierten jeden Mittwoch um acht Uhr in der Pfarrkirche eine Messe. Der Gottesdienst stand auf dem Stundenplan und war verpflichtend. Den Drittklässlern sollte er der Vorbereitung auf die Kommunion dienen, den Viertklässlern der weiteren Einübung in die Messfeier. Ich hatte damals große Mühe damit, dass die Drittklässler zuschauen mussten, wie die Viertklässler die Kommunion empfingen, während sie selbst leer ausgingen. Als Auszubildende konnte ich an dem Konzept jedoch nichts ändern. Mein Unbehagen wurde noch dadurch gesteigert, dass der Priester mitten im Tagesgebet unterbrach, um einen störenden Schüler „in den Senkel zu stellen“.

Diese Erfahrung war für mich lehrreich. Ich wurde ich aufmerksam darauf, dass Gottesdienste, die Gottes Liebe vergegenwärtigen und sie feiernd vermitteln wollen, selbst einen liebevollen Charakter haben müssen. Denn die Verkündigung geschieht nicht nur mit Worten. Sie geschieht auch durch die Art und Weise, wie wir feiern.

Zwei konkrete Hinweise für eine liebevolle Gestaltung

Wie kann ich nun als Gottesdienstleiterin oder als Mitgestaltende zu einem liebevollen Charakter beitragen? Aus vielen möglichen Gesichtspunkten benenne ich hier zwei ausgewählte Hinweise:

  • Es geht darum, die Mitfeiernden wahrzunehmen. Jesus selbst hat die Menschen wahrgenommen, er hat sie gesehen, auch die am Rande, die von anderen übersehen wurden, wie den blinde Bartimäus am Straßenrand oder den Zöllner Zachäus auf dem Maulbeerfeigenbaum. Wenn diese liebevolle Aufmerksamkeit Jesu im Gottesdienst aufscheinen soll, müssen auch wir die Menschen wahrnehmen, die da sind. Wie sich diese Wahrnehmung konkret auswirkt, wird sich jeweils ergeben: sei es in einem freundlichen Blick, in einer Anpassung der Gebete an die Menschen, die Sie vor sich haben … Ein negatives Gegenbild wäre ein Absolvieren des Gottesdienstes ohne echten Kontakt und ohne Bezugnahme auf die konkret versammelte Gemeinde.
  • Es geht weiter darum, den Mitfeiernden in einer liebevollen Haltung zu begegnen. „Das Wichtigste ist, dass man die Menschen mag!“, sagte kürzlich ein Pfarrer einer lebendigen Gemeinde, als wir Kriterien für gute Gottesdienste sammelten. Er sprach mir aus dem Herzen, denn es ist auch meine Erfahrung: Wenn ich den Menschen, mit denen ich feiere, von Herzen zugewandt bin, dann springt der Funke über. Dann feiern wir in einer Atmosphäre, die uns miteinander erfahren lässt: Wir sind von Gott geliebt.
    Was aber, wenn es im Gottesdienst Menschen gibt, die ich nicht mag? Dann kann ich versuchen, sie mit dem liebenden Blick Jesu zu betrachten, und so eine zugewandte Haltung zu ihnen entwickeln.

Wenn Inhalt und Form zusammenpassen

Wenn die Verkündigung der Liebe Gottes in Worten durch eine freundliche Atmosphäre der Feier unterstützt wird, wenn also Inhalt und Form übereinstimmen, dann sind gute Voraussetzungen dafür geschaffen, dass die Verkündigung ankommt und die Botschaft die Feiernden in der Tiefe ihrer Existenz erreicht.

Dieser Beitrag erschien in ähnlicher Form im Anzeiger für die Seelsorge, Heft 6/2025, S.41.

Echt sein

Menschen wirken überzeugend, wenn sie authentisch sind. Das gilt auch im Gottesdienst. Und im Gottesdienst kommt der Authentizität darüber hinaus noch eine weitere Bedeutung zu: Wenn ich als Gottesdienstleiterin authentisch bin – wenn ich tatsächlich tue, was ich vorgebe zu tun -, kann ich Menschen mitnehmen in die Bewegung auf Gott hin. So werde ich meiner Aufgabe als Gottesdienstleiterin gerecht.

Fünf praktische Hinweise für eine authentische Gottesdienstleitung

Wie geht das nun: Authentisch sein im Gottesdienst? Worauf kann ich als Gottesdienstleiterin achten? Dazu fünf ausgewählte Punkte:

  1. Gleich zu Beginn: Wenn ich das Kreuzzeichen mache, tue ich dies bewusst: Ich nehme mich selbst mit hinein und stelle auch mich bewusst unter die Gegenwart Gotte.
  2. Wenn ich die Mitfeiernden grüße, dann sage ich das nicht nur so dahin, weil es eben an dieser Stelle gesagt werden muss, sondern ich nehme die Mitfeiernden in den Blick und trete wirklich in Kontakt.
  3. Wenn ich die Mitfeiernden einlade: „Lasst uns beten, wie der Herr uns zu beten gelehrt hat“, dann wende ich mich tatsächlich einladend der Gemeinde zu, und sammele mich gemeinsam mit ihr zum Gebet. Ich schaue nicht ins Buch oder blättere darin, um die nächste Seite aufzuschlagen.
  4. Wenn ich ein Gebet vortrage, dann lese ich nicht einfach vor, sondern ich bete. Dabei schaue ich nicht in die Gemeinde, als würde ich zur Gemeinde sprechen, sondern ich halte den Blick gesammelt bei mir.

Wenn ich eine Gebetsstille halte, dann zähle ich in dieser Zeit nicht bis zwanzig, um die angemessene Zeit abzuschätzen. Sondern ich gehe selbst ins stille Gebet. Die Zeit, die ich für das Beten brauche, ist vermutlich auch eine angemessenes Zeit für die Mitfeiernden. Sie ist jedenfalls ein sicherer Indikator für die angemessene Zeit, als ein Abzählen das sein könnte.

Einwände und Entgegnungen

Vielleicht sagen Sie: Das ist doch selbstverständlich. Aber vermutlich erleben Sie genauso oft wie ich, dass solche Punkte eben doch nicht beachtet werden. Ich erlebe immer wieder, dass die Leitenden auf den vorgegebenen Text bedacht sind, aber nicht die Haltung einnehmen, die zu der jeweiligen Sprachhandlung gehört.

Vielleicht haben Sie auch den Einwand: Wenn ich den Gottesdienst leite, muss ich mich auf die Leitung konzentrieren und kann nicht gleichzeitig beten, hören, meditieren. In der Themenzentrierten Interaktion (TZI) gibt es das Konzept der teilnehmenden Leitung: Die Leiterin oder der Leiter ist gleichzeitig als Person beteiligt und bringt sich selbst ein. Dies trägt zu einer großen Lebendigkeit bei. Und es funktioniert auch im Gottesdienst! Ich nehme meine Leitungsrolle wahr und stehe gleichzeitig selbst als Hörende, Betende, Meditierende vor Gott. Diese Spannung lässt sich halten.

Meine Überzeugung

Es ist meine Erfahrung und Überzeugung: Eine solche authentische Leitung trägt dazu bei, dass der Gottesdienst an Tiefe gewinnt und seine Kraft entfalten kann.

Dieser Beitrag erschien in ähnlicher Form im Anzeiger für die Seelsrge, Heft 5/2025, S.41.

Den Anfang gestalten

Unterschiedliche Erfahrungen

An einem Ort , an dem ich gelegentlich das Mittagsgebet mitbete, erlebe ich dieses in seiner Wirkkraft sehr unterschiedlich. Fast immer wird die Sext aus der Tagzeitenliturgie genommen, und doch wirkt der kleine Gottesdienst das eine Mal lebendig und eingepasst in die Situation in der Mitte des Tages, das andere Mal wie ein Absolvieren dessen, was im Stundenbuch ja schon alles steht und nur noch gelesen und gesprochen werden muss. Die eine Variante beginnt etwa so: „In der Mitte des Tages halten wir inne, atmen durch, atmen auf …“ Die andere Variante beginnt so: „Die Psalmen befinden sich auf S. 491 ff., der Hymnus steht auf S. 145 oben. – O Gott, komm mir zu Hilfe …“

Die erste Form nimmt mich mit. Sie hilft mir, die Arbeit des Vormittags und die erwarteten Tätigkeiten und Begegnungen des Nachmittags vor Gott zu bringen. Die zweite Form ist auch ein Mir-Zeitnehmen für Gott, aber mit nur schwer herstellbarer Verbindung zu meiner gläubigen Existenz an diesem Tag.

Die Bedeutung des Anfangs

Die Gestaltung des Anfangs erfordert besondere Sorgfalt. Hier entscheidet sich, ob es gelingt, die Anwesenden mitzunehmen auf einen Weg – auf einen Weg, der einen Unterschied in ihrem Leben und Glauben macht. Es entscheidet sich, ob sie einsteigen in einen wirksamen Prozess, in dessen Verlauf sich in der Begegnung mit Gottes Heilswirken etwas in den Einzelnen und in der Gemeinschaft verändert. Einen Prozess, aus dem die Feiernden neu orientiert, getröstet, gestärkt  – oder auch irritiert und dadurch für neue Sichtweisen geöffnet – herauskommen. Um sich in diesen Prozess zu begeben, braucht es eine „geöffnete Tür“, die das Einsteigen ermöglicht.

Praktische Hinweise zur Gestaltung eines gelungenen Einstiegs

Wie kann ich als Gottesdienstverantwortliche diese Tür öffnen?
Dazu drei Hinweise:

  • Ich mache mir in der Vorbereitung auf den Gottesdienst bewusst, dass es einen Übergang braucht vom Alltag zum Gottesdienst. Alltagshandeln und Gottesdienst sind sehr verschiedene Vollzüge, für die es je eine eigene innere Haltung braucht.
  • Um diesen Übergang gut zu gestalten, führe ich mir die vermuteten Mitfeiernden vor Augen. Ich vergegenwärtige ich mir, wo die Mitfeiernden gerade herkommen, was sie möglicherweise bewegt, und was sie sich vom Gottesdienst erhoffen.
  • Ich gestalte den Übergang bewusst in einer für diese konkreten Menschen passenden Art: etwa mit der Einladung zur Wahrnehmung der Gemeinschaft, mit sparsamen Worten der Hinführung in die Öffnung für Gott, mit Stille, die es ermöglicht, sich selbst vor Gott wahrzunehmen. Auch das oben erwähnte Eröffnungsversikel „O Gott, komm mir zu Hilfe“ gehört zu den hilfreichen Elementen, die zum bewussten Eintreten in die Gegenwart Gottes beitragen. Die Wirkung des Versikels ist jedoch stärker, wenn es in einen bewusst gestalteten Übergang eingebettet ist, als wenn es unvermittelt auf die technischen Anweisungen (hier: die Mitteilung der Seitenzahlen) folgt.

Auch die Leitungsperson braucht diesen Anfang

Übrigens geht es bei der Gestaltung des Beginns nicht nur darum, einen Einstieg für die Mitfeiernden zu eröffnen. Es geht auch um mich als Leitende. Auch ich muss den Zugang finden, muss den Weg innerlich mitgehen können – für mich selbst und um der Mitfeiernden willen. Nur wenn ich selbst mit auf diesem Weg bin, kann ich auch die Mitfeiernden gut leiten. Wenn ich Worte wähle, die mir selbst helfen, und wenn ich die Zeit gebe, die mir zum Ankommen dient, dann stehen die Chancen gut, dass ich auch die Mitfeiernden abhole und mitnehme. So gehen wir im Gottesdienst gemeinsam einen Weg, auf dem wir von Gott berührt werden, und der eine Wirkung für unser Leben und Glauben hat.

Dieser Beitrag erschien in ähnlicher Form im Anzeiger für die Seelsrge, Heft 4/2025, S.41.

Orientierung für freie Gottesdienste

Sie wollen einen Gottesdienst ohne vorgegebene Form gestalten. Wie können Sie diesen aufbauen? Häufig werden Elemente aneinandergereiht und dabei lediglich Prinzipien des Wechsels von Wort und Musik oder des Wechsels von Input und Gebet beachtet. Es geht aber auch anders: Mit einem klaren Spannungsbogen können Sie die Feiernden bewusst in das Geschehen hineinnehmen und sie gestärkt in ihren Alltag entlassen.

Spannungsbogen durch klare Struktur

Dazu hilft die Orientierung an einer Grundstruktur, die sich auch in jeder bewährten Gottesdienstform entdecken lässt. Wenn Sie diese Struktur beachten, können Sie den Gottesdienst als Prozess gestalten. Ein Prozess, der in den Feiernden etwas bewirkt.

Die Grundstruktur besteht aus vier Teilen: der Eröffnung, der Verkündigung des Wortes Gottes, der Antwort der Gemeinde und dem Abschluss. Worum geht es in den einzelnen Teilen?

  • Aufgabe der Eröffnung ist es, sich als Feiergemeinschaft zu versammeln, sich selbst innerlich zu sammeln und sich bewusst in die Gegenwart Gottes zu stellen.
  • In der Verkündigung des Wortes Gottes geht es darum Gottes Wort als Botschaft an die hier konkret versammelte Gemeinde aufzunehmen und es sich anzueignen.
  • In der Antwort der Gemeinde antworten die Feiernden Gott in Lob, Dank und Bitte. Hier kann auch eine Zeichenhandlung Platz haben, die Gottes Heilszuwendung sinnenhaft erfahrbar macht.
  • Aufgabe des Abschlussteils ist es, den Übergang vom Gottesdienst zum Leben zu gestalten und das Erfahrene ins Leben hinauszuführen.

Konkrete Gestaltung der einzelnen Teile

Mit welchen Elementen können die einzelnen Teile gestaltet werden? Da gibt es eine Fülle an Möglichkeiten. Diese können jeweils passend zur Feiergemeinde ausgewählt werden. Hier einige Beispiele:

  • In der Eröffnung hilft ein bewusst vollzogenes Kreuzzeichen, bei sich selbst und bei Gott anzukommen. Ein Lied, das die Gemeinde zusammenruft, lenkt den Blick auf die Gemeinschaft und auf die Gegenwart Gottes. Mit dem Kyrie öffnen sich die Feiernden für den gegenwärtigen Christus … Es kann aber auch ganz andere Elemente geben, die den Aufgaben der Eröffnung dienen: Das Anzünden einer Kerze, das Anschlagen einer Klangschale, eine Einladung, sich bewusst zu machen, was jede/r einzelne an Freuden und Last mitbringt. Um Gemeinschaft entstehen zu lassen, können die Mitfeiernden eingeladen werden einander wahrzunehmen oder sich gegenseitig zu begrüßen …
  • Das Wort Gottes wird meist durch eine Schriftlesung verkündet. Die Aneignung kann auf unterschiedliche Weise geschehen: durch eine Predigt, eine Bildbetrachtung, einen Austausch oder das Aufschreiben eines Gedankens. Auch eine Zeit der Stille oder ein meditativer Tanz sind möglich. Bestimmt haben Sie im Hinblick auf Ihre Mitfeiernden weitere Ideen.
  • Bei der Antwort der Gemeinde und dem Abschluss gibt es ebenso viele Möglichkeiten.

Die Wahl der passenden Elemente wird je nach Alter der Beteiligten, nach ihrer Prägung oder ihrer gottesdienstlichen Praxis unterschiedlich sein. Wenn Sie zu Beginn der Vorbereitung eine Analyse mit dem Vier-Faktoren-Modell durchführen, wird es Ihnen nicht schwer fallen, angemessene Elemente auszuwählen oder selbst zu entwickeln.

Das Vier-Faktoren-Modell erläutere ich im Artikel "Gottesdienste lebensnah gestalten" in der Zeitschrift Gottesdienst, Heft 2 2026, S. 22f sowie in knapper Form im hiesigen Blog-Beitrag „Gottesdienste mit dem Leben verbinden“.  

Wirkung

So können Sie mithilfe der Grundstruktur Gottesdienste gestalten, die die Feiernden in Bewegung bringen: zu sich selbst, zu Gott und zueinander. Aus solchen Gottesdiensten gehen sie neu orientiert und gestärkt in ihren Alltag.

Dieser Beitrag erschien in ähnlicher Form im Anzeiger für die Seelsorge, Heft 3/2025, S.41.

Gottesdienste mit dem Leben verbinden

Weitverbreitete Unzufriedenheit mit den Gottesdiensten

Eine Freundin von mir hat Religionspädagogik studiert und ist im Glauben verwurzelt. Trotzdem besucht sie den Gottesdienst nur noch, wenn sie mit dem Chor einen Einsatz hat. Sie kann die 08/15-Gottesdienste in ihrer Gemeinde nicht mehr ertragen. – Viele Katholikinnen und Katholiken erleben Gottesdienste als steril. Sie fühlen sich nicht angesprochen – weder mit ihren Fragen noch mit ihrem Alltag. Das spiegelt sich auch in der Kirchenstatistik: 94% der Katholikinnen und Katholiken verzichten auf den regulären sonntäglichen Gottesdienst.

Vielleicht haben Sie den Wunsch, in Ihrer Praxis den Gottesdienst stärker mit dem Leben der Menschen in Verbindung zu bringen. Dann lohnt sich der Blick auf ein Modell, das sich in der Praxis bewährt hat.

Ein praxistaugliches Modell für die Gottesdienstvorbereitung

In meinen Kursen als Liturgiedozentin bringe ich das Vier-Faktoren-Modell der Themenzentrierten Interaktion (TZI) in die Gottesdienstvorbereitung ein. Die Teilnehmenden erzielen damit beeindruckende Ergebnisse. Sie entwickeln Gottesdienste in freier oder in einer klassischen Form, bei denen die jeweiligen Mitfeiernden im Blick sind und die den Mitfeiernden gerecht werden. Dabei ist das Vier-Faktoren-Modell erstaunlich einfach: Es besteht aus den Faktoren

  • Ich: die einzelnen Beteiligten, sowohl Teilnehmende als auch Leitung
  • Wir: die Beziehungsdynamik
  • Es: die Sache
  • Globe: die unmittelbaren Rahmenbedingungen der Zusammenkunft sowie der gesellschaftliche Kontext.

Alle vier Faktoren werden in den Blick genommen und gelten als gleich wichtig.

Für die Gottesdienstvorbereitung bedeutet dies, dass Sie nicht nur die gegebene Struktur des Gottesdienstes hernehmen und diese mit Liedern und Texten füllen, sondern dass Sie sich zunächst zu den einzelnen Faktoren Gedanken machen:

Ich:
Wer sind die Mitfeiernden?
Was bewegt sie? Was erwarten sie? Wie vertraut sind sie mit dieser Form von Gottesdienst?

Und was beschäftigt mich gerade?
Warum und wie möchte ich den Gottesdienst leiten oder gestalten?

Wir:
Wie sind die Beziehungen der Mitfeiernden zueinander?
Was kann ich dazu beitragen, dass Gemeinschaft – Communio – im Gottesdienst erfahren wird?

Es:
Was ist der Anlass des Gottesdienstes?
Was wird hier gefeiert? Worum geht es im Kern?
Um welche Art von Gottesdienst handelt es sich?

Globe:
Zu welcher Tageszeit und an welchem Ort feiern wir den Gottesdienst?
Welche Gottesdienstform ist vorgesehen?
Was gibt die Form vor und welche Spielräume bietet sie?

Und im Blick auf den Kontext:
In welcher Gesellschaft leben wir aktuell?
Innerhalb welcher globalen Situation findet dieser Gottesdienst statt?

Schließlich werden auch die Beziehungen der Faktoren zueinander in den Blick genommen,

Wirkungen und Chancen

Aus der Analyse ergeben sich eine Fülle von Anregungen und Konsequenzen. So können Sie einen lebensnahen Gottesdienst gestalten, nämlich einen Gottesdienst, in dem die Mitfeiernden mit sich selbst, miteinander und mit Gott in Verbindung kommen – in ihrer aktuellen Lebenssituation.

Dieser Beitrag erschien in ähnlicher Form im Anzeiger für die Seelsorge, Heft 2/2025, S.41.
Eine ausführlichere Erläuterung erschien unter dem Titel „Gottesdienste lebensnah gestalten“ in der Zeitschrift Gottesdienst, Heft 2/2026, S. 22f.

Liturgie zwischen Form und Lebendigkeit

Liturgie – oft als starr empfunden

Wenn ich mich als Liturgie-Fachfrau vorstelle, spüre ich oft ein unausgesprochenes Vorurteil: als hätte ich Freude am Formalen und Starren. Das Gegenteil ist der Fall!

Viele Katholiken verstehen unter „Liturgie“ vor allem Rubriken und festgelegte Abläufe. Oftmals sind Gottesdienste auch entsprechend gestaltet: Sie folgen strikten Vorgaben oder sind so normiert, dass sie überall auf die exakt gleiche Weise gefeiert werden können. Die aktuelle Situation oder die hier und jetzt versammelte Gemeinde haben dabei keinen Einfluss auf die Feier.

Ein formales Verständnis zeigt sich auch darin, was als gültiger Gottesdienst gilt: ein richtiges Absolvieren der Vorgaben des liturgischen Buches und ein „korrekt“ gespendetes Sakrament. Ob die Feier für die Gemeinde anschlussfähig ist, oder ob die im Sakrament vermittelte Liebe Gottes in der Atmosphäre der Feier erfahrbar wird, spielt dabei keine Rolle.

Ein solch formales Liturgieverständnis zeigt sich schließlich darin, wer mit der Leitung von Gottesdiensten betraut wird: Menschen, die aufgrund ihres Alters, oder aufgrund von Sprachbarrieren nur begrenzt in der Lage sind, den Gottesdienst den Menschen gemäß zu gestalten. Oft fehlt auch die Nähe zur Kultur und zu dem, was die Menschen konkret bewegt.

Viele Menschen erwarten mehr

Vielen Menschen ist das zu wenig. Sie können Gottesdiensten, die sich vor allem durch formale Korrektheit auszeichnen, nichts mehr abgewinnen. Sie erleben darin keinen Mehrwert für ihr Leben. Stattdessen sehnen sie sich nach Gottesdiensten, in denen sie „vorkommen“ und die sie nähren.

Es gibt sie aber: Gottesdienste, die auch diejenigen Menschen ansprechen, denen die bloße Richtigkeit des Rituals nicht genügt. Das können freie Gottesdienste oder Gottesdienste in klassischen Formen sein, die ganz lebendig sind und die Menschen betreffen und berühren.

Ein Weg zu mehr Lebendigkeit

Wie kommen wir dahin, Gottesdienste in klassischen Formen lebendig zu gestalten und dabei gleichzeitig das vorgegebene Ritual zu respektieren und wertzuschätzen?

Es hängt davon ab, wie wir die Vorgaben betrachten: Das, was im liturgischen Buch steht, ist nicht „die Liturgie“. Es ist das Gerüst, mit dem eine lebendige Feier gestaltet wird. Das Buch ist das Skelett. Diesem werden in der Feier Fleisch, Blut und Leben hinzugefügt.

  • Es kommt also darauf an, wie ich das Ritual gestalte und für welche Auswahlmöglichkeiten ich mich entscheide.
  • Ebenso wichtig ist die Haltung, mit der ich als Gottesdienstleiterin den Mitfeiernden begegne.
  • Entscheidend ist auch, dass ich mich beim Vorbeten tatsächlich innerlich Gott zuwende und die Gemeinde mitnehme ins Gebet.
  • Schließlich spielt es eine Rolle, dass die Lebenssituation der Mitfeiernden in Worten und Zeichenhandlungen anklingt. – All dies macht die Feier lebendig.

Wie schon gesagt, für mich ist Liturgie etwas ganz Lebendiges, und ich habe viele Möglichkeiten, sie entsprechend zu gestalten. Mehr dazu in den folgenden Beiträgen.

Dieser Beitrag erschien in ähnlicher Form im Anzeiger für die Seelsorge, Heft 1/2025, S.40.