Partnerschaftlich Gottesdienst leiten

Die Christmette 2025 in der ARD hat eine Menge Staub aufgewirbelt. Die Empörung über die Krippendarstellung wurde sogar von der Boulevard-Presse aufgegriffen.

Für mich ist ein anderer Aspekt dieses Fernsehgottesdienstes bemerkenswert: das partnerschaftliche Miteinander der beiden liturgischen Leitungspersonen – einer Frau und eines Mannes.

Allzu oft behaupten wir in unseren Gottesdiensten zwar verbal die Gleichwürdigkeit von Mann und Frau, stellen in der Gestalt des Gottesdienstes jedoch etwas anderes dar: Der Altarraum ist von Männern besetzt; wenn Frauen vorkommen, dann eher unter „ferner liefen“ oder in assistierenden Rollen.

Wenn wir in der Gestalt des Gottesdienstes das Gegenteil dessen darstellen, was wir in der Verkündigung mit Worten vermitteln wollen, torpedieren wir diese Verkündigung. Wir nehmen ihr die Kraft und machen sie unglaubwürdig.

Pfarrer Thomas Steiger und Pastoralreferentin Katharina Leser haben – unter erkennbar Reflexion der unterschiedlichen Rollen –  ein partnerschaftliches Leitungsmodell gezeigt. Ein Modell, das zwar nicht streng der geltenden liturgischen Ordnung entspricht, das aber Ernst macht mit der Gleichwürdigkeit von Mann und Frau, und das anschlussfähig ist in der postmodernen Gesellschaft. Dafür bin ich dankbar!

Gottesdienste für eine Kirche im Wandel

Kirche in tiefgreifender Veränderung

Die katholische Kirche im deutschsprachigen Raum befindet sich in einem tiefgreifenden Veränderungsprozess. Mitgliederzahlen schrumpfen rapide; selbst engagierte Kirchenmitglieder treten aus. Pastorales Personal fehlt – und zwar nicht nur Priester und Diakone, sondern auch Gemeinde- und PastoralreferentInnen. Viele Diözesen haben deshalb einen Strukturwandel beschlossen, der mit einem Kulturwandel einhergeht: mehr Mitverantwortung aller Getauften, vielfältige Formen des Kirche-Seins, gemeinsame Suchbewegungen statt Verordnung von oben. Was bei den Engagierten vor Ort ankommt, ist aber oftmals nur die strukturelle Seite: die Vergrößerung der Räume und die reduzierte Präsenz des Personals. „Wenn die neue Großpfarrei kommt, sind wir weg!“, ist ein Satz, den ich deshalb im Kontakt mit Gemeindeteams oder Pfarrgemeinderäten öfter höre.

Kulturwandel in den Gottesdiensten als Bedingung für das Gelingen

Damit der intendierte Kulturwandel gelingen und in den Gemeinden Fuß fassen kann, müssen auch die Gottesdienste einen Kulturwandel erleben; denn Gottesdienste prägen das Selbstverständnis der Gemeinden und der einzelnen Gläubigen.

Aspekte einer erneuerten Gottesdienstkultur

Wie sehen dann Gottesdienste in einer sich erneuernden Kirche aus?

  • Sie sind suchend: Sie vermitteln nicht (jedenfalls nicht ausschließlich) Wissen von Amtsträgern von oben nach unten, sondern sie ermöglichen eine gemeinsame Suchbewegung aller Mitfeiernden, getragen vom Vertrauen auf das Wirken der Geistkraft Gottes.
  • Sie sind partizipativ: Sie ermöglichen Beteiligung auf verschiedenen Ebenen,
  • zuerst, in dem sie Raum geben für die Gedanken, Freuden und Sorgen der Einzelnen in Zeiten der (Gebets-)Stille oder in Symbolhandlungen (wie Kerzenanzünden), die Platz für das bieten, was die einzelnen bewegt;
  • zweitens in der Möglichkeit, eigene Wahrnehmungen und Anliegen ausdrücklich einzubringen (etwa in Bibliolog oder Schriftgespräch, in freiem Dank oder Fürbitten);
  • drittens in der Freiheit, Einfluss zu nehmen auf die Gestaltung der Gottesdienste und gemeinsam ein für die betreffende Gruppe oder Gemeinde passendes Gottesdienstformat zu entwickeln.
  • Sie erlauben Vielfalt: Gottesdienste, die die zukünftige Vielfalt kirchlicher des Kirche-Seins begünstigen, lassen selbst Vielfalt zu und fördern sie. So kann es tradierte Formen wie Messfeier, Rosenkrankgebet und Andachten geben neben Feierabend-Mahl, „Feel Go(o)d-Gottesdiensten“, oder was sich sonst an neuen und kreativen Formen entwickelt.
  • Sie verzichten auf Bevormundung, sie sind einladend und bieten einen leichten Zugang für viele Menschen.

Ausblick auf eine erneuerte Kirche

Nur wenn sich auch die Gottesdienste wandeln – hin zu mehr Offenheit, Beteiligung und Vielfalt – kann der Kulturwandel in der Kirche gelingen.

Dieser Beitrag erschien in ähnlicher Form im Anzeiger für die Seelsorge, Heft 10/2025, S. 41.

Ist Liturgie relevant angesichts der planetaren Krisen?

Heute am Frühstückstisch: Gespräch über die besorgniserregende Entwicklung beim mächtigen weltpolitischen Player USA. Schnell weitet sich der Blick auf andere Bedrohungen auf unserem Planeten: Kriege, das Scheitern des Plastikabkommens, das Beharren auf Eigeninteressen, die höher gewichtet werden als das Wohl der menschlichen Gemeinschaft.

Und ich frage mich: Was haben wir als Liturginnen und Liturgen da beizutragen? Sind wir nutzlos, weil Liturgie scheinbar nichts mit der Gestaltung der Welt zu tun hat? Feiern wir eine himmlische Liturgie, fern vom Leben auf der Erde? Oder bieten wir nur einen Moment persönlichen Trostes, um dem Leben angesichts der Bedrohungen wieder eine Zeit lang gewachsen zu sein?

Prägende Kraft

Ich sehe in der Liturgie deutlich mehr als das. Die Feier des Gottesdienstes ist ein Beitrag zu einer menschenfreundlichen, lebensförderlichen Welt.

Wie Liturgie die Feiernden und Teile der Gesellschafft prägen kann, habe ich in einem Slum in Nairobi erlebt. 1
Und ich habe insbesondere bei US-amerikanischen Theologen Wege zu einem Verständnis dieser Wirkung entdeckt. So erschließt der Alttestamentler Walter Brueggemann die Liturgie pointiert als „worldmaking“.2
Der Liturgiewissenschaftler Mark Searle beschreibt Liturgie als eine Art Proberaum, in dem Reich-Gottes-Praxis eingeübt und internalisiert wird.3

Hochwirksame Liturgie

Liturgie als symbolisches bzw. sakramentales Handeln ist tief im Menschen wirksam. Sie kann die Einzelnen, die Gemeinde und durch diese auch ihr Umfeld prägen – prägen zu Menschen und Gemeinschaften, die sich für das Leben aller einsetzen. Dies geschieht nicht einfach dadurch, dass an bestimmten Stellen des Gottesdienstes (Schuldbekenntnis, Predigt, Fürbitten) die Welt und unser Handeln darin thematisiert werden. Sondern es kann geschehen, wenn Inhalt und Gestalt der Feier übereinstimmen. Etwa im achtsamen Umgang miteinander, in der Überwindung von Fremdheit und in liebevoller Zuwendung. Ebenso dort, wo alle Anwesenden ermächtigt werden, sich aktiv und mitgestaltend einzubringen.

So wachsen die Gottesdienstfeiernden hinein in ihre Identität als Bürgerinnen und Bürger des Reiches Gottes – eine Identität, aus der sie auch außerhalb des Gottesdienstes leben. Sie werden auch dann aufmerksam sein für sich selbst und die Bedürfnisse der anderen, und sie werden eintreten für die Lebensmöglichkeiten aller Menschen.

Liturgie wird so zur „gefährlichen Erinnerung“4, weil Menschen, die im Gottesdienst etwas von der Welt Gottes leibhaftig erfahren haben, sich nicht abfinden mit einer Bevorteilung der einen auf Kosten der anderen, mit Machtmissbrauch, mit Ausgrenzung und mit der Ausbeutung der Erde. Menschen, die im Gottesdienst einen Vorgeschmack darauf erhalten, wie die Welt im Sinne Gottes sein könnte, setzen sich – gemäß ihren jeweiligen Möglichkeiten – ein für das Leben aller Menschen und der ganzen Schöpfung heute und für das Leben der Zukunft.

Fazit

Liturgie – nur ein ästhetisches Geschehen jenseits der Herausforderungen der Welt? Nein. Wenn sie in ihrer ganzen Gestalt den Geist Gottes atmet, ist sie ein wirksamer Beitrag zu Menschlichkeit, Solidarität und zum Erhalt des Lebens auf der Erde!


Fußnoten

  1. Vgl. Barbara Feichtinger, Liturgie und soziales Handeln. Afrikanische Praxis als Inspiration, Stuttgart 2008. ↩︎
  2. Walter Brueggemann, Israel’s Prais. Doxology against idolatry and ideology, Philadelphia 1988, S. 12 und öfter. ↩︎
  3. „Die liturgische Versammlung ist […] der Ort, wo Gerechtigkeit proklamiert wird, allerdings nicht wie in einer Schulklasse, einer politischen Versammlung oder einer Anhörung. Sie ähnelt eher einem Proberaum, wo Handlungen immer und immer wiederholt werden, bis sie sorgfältig angeeignet und zur Perfektion gebracht sind, das heißt, bis sich die Spieler völlig mit der ihnen zugeschriebenen Rolle identifiziert haben.“ Vgl. Mark Searle, Serving the Lord with justice: Liturgy and social jusitce, hg.v. Mark Searle, Collegeville 1980, S. 13-35, hier S. 32 (Übersetzung B. F.). ↩︎
  4. Johann Baptist Metz, Glaube in Geschichte und Gesellschaft. Studien zu einer praktischen Fundamentaltheologie, Mainz 1992, S. 94-96. Metz bezieht die gefährliche Erinnerung allerdings auf die „kirchlichen Lehr- und Bekenntnisformeln, in denen sich dieses herausfordernde Gedächtnis öffentlich buchstabiert“ (a.a.O. S. 95). Die Liturgie als lebendigen Vollzug dieser Erinnerung nimmt er nicht in den Blick. ↩︎

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