Gott ist Mensch geworden. Gott zeigt sich in menschlicher Gestalt. Das lädt uns ein, neu zu fragen: Wie kann im Gottesdienst die Gottesbegegnung im Menschen – in der versammelten Gemeinde und im einzelnen, insbesondere im leidenden Menschen zum Tragen kommen?
Biblische Grundlagen
Beides ist biblisch verbürgt, z.B. Gen 1,26, Mt 18,20 und Mt 25,31-46. In der Allgemeinen Einführung in das Römische Messbuch wird die Gottesgegenwart in der versammelten Gemeinde sogar an erster Stelle genannt – vor der Gegenwart im Wort Gottes und in den eucharistischen Gestalten (vgl. AEM 7). In der liturgischen Praxis kommt der Mensch als Erfahrungsort Gottes jedoch kaum ins Spiel.
Ein Beispiel aus Nairobi
Anders in einem Slum von Nairobi (Kenia) in einer Gemeinde, die mich mit ihrer engagierten, wirkungsvollen Liturgie und mit ihrer sozialen Praxis sehr inspiriert hat. Der damalige Pfarrer P. Alex Zanotelli berichtet in einem Brief von einem Gottesdienst in der Hütte einer sterbenden Jugendlichen, den er zusammen mit der dortigen Kleinen Christlichen Gemeinschaft feierte:
„Weihnachten des Lebens, Weihnachten des Todes, jenes von Florence Awino, einem Mädchen von sechzehn Jahren. Mit zwölf Jahren hatte sie begonnen sich zu prostituieren auf den Bürgersteigen von Nairobi. Schon bald hatte sie dann AIDS … Wenige Tage vor ihrem Tod war ich bei ihr für die letzte Eucharistie. ‚Es tut mir leid, dass Dich Deine Mutter so im Stich gelassen hat’, sagte ich ihr, als ich bei ihr eintrat. Florence sah mich an und antwortete ernst: ‚Aber Gott ist doch meine Mama.’ Ich betrachtete sie nochmals genau beim Lampenlicht. Sie schien mir ein Bild des Gekreuzigten zu sein, so entstellt war sie. Mir kommt es spontan in den Sinn, sie zu fragen: ‚Wer ist denn aber das Antlitz Gottes?’ Jenes gekreuzigte Gesicht, gequält von AIDS, erstrahlte von einem so schönen Lächeln (ein Leuchten in der Nacht!): ‚Ich bin dieses Antlitz Gottes!’ Das Antlitz jenes Kindes, geboren draußen vor der Stadt, gekreuzigt vor den Mauern … oder ist es Ostern?“
„Ich bin dieses Antlitz Gottes“, sagte Florence. Für die Mitfeiernden wurde sie an diesem Abend zum Erfahrungsort Gottes. Auch die Mitfeiernden wurden an diesem Abend für Florence zu Zeichen der Nähe Gottes: durch ihr Kommen, als sie miteinander den Schrifttext auslegten und Florence daraus Tröstliches und Ermutigendes zusagten, und als sie in Fürbitten und Dank für sie beteten.
Praktische Impulse für den Gottesdienst
Wie können in unseren Gottesdiensten der Mensch bzw. die versammelte Gemeinde als Ort der Gotteserfahrung zum Tragen kommen? Zunächst indem die Gottesdienstleitenden hier und da auf die Gottesbegegnung im Antlitz des Nächsten aufmerksam machen, dann indem sie den Mitfeiernden mit Respekt und echter Aufmerksamkeit begegnen, und schließlich, indem sich die Versammelten aktiv einbringen können, einander in Worten und Gesten Gutes sagen und indem sie betend und segnend füreinander eintreten. Diese Art von Menschlichkeit im Gottesdienst erleichtert es vielen Gott zu erahnen – unseren Gott, der selbst Mensch geworden ist.
Ich wünsche Ihnen immer wieder Begegnungen mit Ihren Mitmenschen, in denen Sie erfahren: Gott ist da!
Dieser Beitrag erschien in ähnlicher Form im Anzeiger für die Seelsorge, Heft 12/2025, S. 41.
