Kirche in tiefgreifender Veränderung
Die katholische Kirche im deutschsprachigen Raum befindet sich in einem tiefgreifenden Veränderungsprozess. Mitgliederzahlen schrumpfen rapide; selbst engagierte Kirchenmitglieder treten aus. Pastorales Personal fehlt – und zwar nicht nur Priester und Diakone, sondern auch Gemeinde- und PastoralreferentInnen. Viele Diözesen haben deshalb einen Strukturwandel beschlossen, der mit einem Kulturwandel einhergeht: mehr Mitverantwortung aller Getauften, vielfältige Formen des Kirche-Seins, gemeinsame Suchbewegungen statt Verordnung von oben. Was bei den Engagierten vor Ort ankommt, ist aber oftmals nur die strukturelle Seite: die Vergrößerung der Räume und die reduzierte Präsenz des Personals. „Wenn die neue Großpfarrei kommt, sind wir weg!“, ist ein Satz, den ich deshalb im Kontakt mit Gemeindeteams oder Pfarrgemeinderäten öfter höre.
Kulturwandel in den Gottesdiensten als Bedingung für das Gelingen
Damit der intendierte Kulturwandel gelingen und in den Gemeinden Fuß fassen kann, müssen auch die Gottesdienste einen Kulturwandel erleben; denn Gottesdienste prägen das Selbstverständnis der Gemeinden und der einzelnen Gläubigen.
Aspekte einer erneuerten Gottesdienstkultur
Wie sehen dann Gottesdienste in einer sich erneuernden Kirche aus?
- Sie sind suchend: Sie vermitteln nicht (jedenfalls nicht ausschließlich) Wissen von Amtsträgern von oben nach unten, sondern sie ermöglichen eine gemeinsame Suchbewegung aller Mitfeiernden, getragen vom Vertrauen auf das Wirken der Geistkraft Gottes.
- Sie sind partizipativ: Sie ermöglichen Beteiligung auf verschiedenen Ebenen,
- zuerst, in dem sie Raum geben für die Gedanken, Freuden und Sorgen der Einzelnen in Zeiten der (Gebets-)Stille oder in Symbolhandlungen (wie Kerzenanzünden), die Platz für das bieten, was die einzelnen bewegt;
- zweitens in der Möglichkeit, eigene Wahrnehmungen und Anliegen ausdrücklich einzubringen (etwa in Bibliolog oder Schriftgespräch, in freiem Dank oder Fürbitten);
- drittens in der Freiheit, Einfluss zu nehmen auf die Gestaltung der Gottesdienste und gemeinsam ein für die betreffende Gruppe oder Gemeinde passendes Gottesdienstformat zu entwickeln.
- Sie erlauben Vielfalt: Gottesdienste, die die zukünftige Vielfalt kirchlicher des Kirche-Seins begünstigen, lassen selbst Vielfalt zu und fördern sie. So kann es tradierte Formen wie Messfeier, Rosenkrankgebet und Andachten geben neben Feierabend-Mahl, „Feel Go(o)d-Gottesdiensten“, oder was sich sonst an neuen und kreativen Formen entwickelt.
- Sie verzichten auf Bevormundung, sie sind einladend und bieten einen leichten Zugang für viele Menschen.
Ausblick auf eine erneuerte Kirche
Nur wenn sich auch die Gottesdienste wandeln – hin zu mehr Offenheit, Beteiligung und Vielfalt – kann der Kulturwandel in der Kirche gelingen.
Dieser Beitrag erschien in ähnlicher Form im Anzeiger für die Seelsorge, Heft 10/2025, S. 41.
