Heute am Frühstückstisch: Gespräch über die besorgniserregende Entwicklung beim mächtigen weltpolitischen Player USA. Von da aus der Blick auf andere Bedrohungen auf unserem Planeten: Kriege, keine Einigungen beim Plastikabkommen, weil eigene Interessen höher gewichtet werden als die Interessen der menschlichen Gemeinschaft.
Und ich frage mich: Was haben wir als Liturginnen und Liturgen da beizutragen? Sind wir hilflos und nutzlos, da Liturgie nichts mit der Gestaltung der Welt zu tun hat? Feiern wir eine himmlische Liturgie, die mit dem Leben auf der Erde wenig zu schaffen hat? Bieten wir nur einen Moment persönlichen Trostes, um dem Leben angesichts der Bedrohungen wieder eine Zeit lang gewachsen zu sein?
Ich sehe in der Liturgie mehr als das: Die Feier des Gottesdienstes ist ein Beitrag zu einer menschenfreundlichen, lebensförderlichen Welt. Wie Liturgie die Feiernden und Teile der Gesellschaft prägen kann, habe ich in einem Slum in Nairobi erlebt,[1] und ich habe insbesondere bei US-amerikanischen Theologen Wege zu einem theologischen Verständnis dieser Wirkung entdeckt. So erschließt der Alttestamentler Walter Brueggemann die Liturgie sehr pointiert als „worldmaking“[2], und der Liturgiewissenschaftler Mark Searle beschreibt Liturgie als ein Art Proberaum, in welchem Reich-Gottes-Praxis eingeübt und internalisiert wird.[3]
Liturgie als symbolisches bzw. sakramentales Handeln ist tief im Menschen wirksam. Sie kann die Einzelnen, die Gemeinde und darüber auch ihr Umfeld prägen – prägen zu Menschen und Gemeinschaften, die sich für das Leben aller einsetzen. Dies geschieht nicht einfach dadurch, dass an bestimmten Stellen des Gottesdienstes (Schuldbekenntnis, Predigt, Fürbitten) die Welt und unser Handeln darin thematisiert werden. Sondern es kann geschehen, wenn Inhalt und Gestalt der Feier übereinstimmen – im achtsamen Umgang miteinander, in der Überwindung von Fremdheit, in liebevoller Zuwendung, in der Ermächtigung der aller Anwesenden, sich aktiv und mitgestaltend einzubringen. So wachsen die Gottesdienstfeiernden hinein in ihre Identität als Bürgerinnen und Bürger des Reiches Gottes – eine Identität, aus der sie auch außerhalb des Gottesdienstes leben. Sie werden auch dann aufmerksam sein für sich selbst und die Bedürfnisse der anderen, und sie werden eintreten für die Lebensmöglichkeiten aller Menschen.
Liturgie wird so zur „gefährlichen Erinnerung“[4], weil Menschen, die im Gottesdienst etwas von der Welt Gottes leibhaftig erfahren haben, sich nicht abfinden mit einer Bevorteilung der einen auf Kosten der anderen, mit Machtmissbrauch, mit Ausgrenzung und mit der Ausbeutung der Erde. Menschen, die im Gottesdienst einen Vorgeschmack darauf erhalten, wie die Welt im Sinne Gottes sein könnte, setzen sich – gemäß ihren jeweiligen Möglichkeiten – ein für das Leben aller Menschen und der ganzen Schöpfung heute und für das Leben der Zukunft.
Liturgie – nur ein ästhetisches Geschehen jenseits der Herausforderungen der Welt? Nein, wenn sie in ihrer ganzen Gestalt den Geist Gottes atmet, den wir feiern, ist sie ein wirksamer Beitrag zu Menschlichkeit, Solidarität und zum Erhalt des Lebens auf der Erde!
Fußnoten
[1] Vgl. Barbara Feichtinger, Liturgie und soziales Handeln. Afrikanische Praxis als Inspiration, Stuttgart 2008. ↩︎
[2] Walter Brueggemann, Israel’s Prais. Doxology against idolatry and ideology, Philadelphia 1988, S. 12 und öfter. ↩︎
[3] „Die liturgische Versammlung ist […] der Ort, wo Gerechtigkeit proklamiert wird, allerdings nicht wie in einer Schulklasse, einer politischen Versammlung oder einer Anhörung. Sie ähnelt eher einem Proberaum, wo Handlungen immer und immer wiederholt werden, bis sie sorgfältig angeeignet und zur Perfektion gebracht sind, das heißt, bis sich die Spieler völlig mit der ihnen zugeschriebenen Rolle identifiziert haben.“ Vgl. Mark Searle, Serving the Lord with justice: Liturgy and social jusitce, hg.v. Mark Searle, Collegeville 1980, S. 13-35, hier S. 32 (Übersetzung B. F.). ↩︎
[4] Johann Baptist Metz, Glaube in Geschichte und Gesellschaft. Studien zu einer praktischen Fundamentaltheologie, Mainz 1992, S. 94-96. Metz bezieht die gefährliche Erinnerung allerdings auf die „kirchlichen Lehr- und Bekenntnisformeln, in denen sich dieses herausfordernde Gedächtnis öffentlich buchstabiert“ (a.a.O. S. 95). Die Liturgie als lebendigen Vollzug dieser Erinnerung nimmt er nicht in den Blick. ↩︎
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